Der Preis von Silber kennt seit Monaten scheinbar nur eine Richtung: nach oben. Im Januar 2026 notiert die Feinunze zeitweise über der psychologisch wichtigen Marke von 90 US-Dollar. Wer Anfang 2025 investierte, blickt auf eine Rendite von über 150 % zurück. Doch während Enthusiasten bereits dreistellige Kurse ausrufen, stellen sich nüchterne Beobachter die Frage: Erleben wir gerade eine fundamentale Neubewertung oder eine gefährliche, temporäre Übertreibung?

China und die Exportbremse: Ein künstlicher Engpass für Silber?

Ein Hauptgrund für die aktuelle Preisexplosion liegt im Osten. China, der mit Abstand wichtigste Akteur im Bereich der industriellen Silbernachfrage, hat zu Beginn des Jahres 2026 neue, restriktive Exportkontrollen in Kraft gesetzt. Das Ziel: Die eigene Chip- und Photovoltaik-Industrie abzusichern.

Da China über 50 % der weltweiten industriellen Nachfrage kontrolliert, führt dieser Schritt zu einer massiven Verknappung auf dem Weltmarkt. Kritiker argumentieren jedoch, dass dieser „Versorgungs-Schock“ politisch motiviert und damit potenziell temporär ist. Sollte Peking die Zügel lockern, könnte der Druck im Kessel ebenso schnell wieder entweichen.

Das Comex-Dilemma: Silber als Papier vs. physische Realität

Parallel dazu blicken Investoren nervös auf die Terminbörse Comex in New York. Hier ist ein interessantes Phänomen zu beobachten: Während die Bestände in den Tresoren auf Zehnjahrestiefs gesunken sind, explodieren die Handelsvolumina. Die Börsenbetreiber reagierten bereits mit drastischen Margin-Erhöhungen, um spekulative Exzesse einzudämmen.

Ein Markt, in dem mehr „Papier-Silber“ gehandelt wird, als physisch zur Auslieferung bereitsteht, neigt zu massiven Preisausschlägen. Viele Analysten warnen, dass die aktuelle Rallye verstärkt durch Eindeckungskäufe (Short Squeezes) getrieben wird – ein klassisches Anzeichen für eine kurzfristige Übertreibung.

 

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Quelle: Infront, 22.01.2016-22.01.2026

Der Zollkrieg als Brandbeschleuniger

Die geopolitische Komponente darf nicht unterschätzt werden. Der schwelende Zollkrieg zwischen den USA und China hat Silber als „kritisches Mineral“ in den Fokus der Weltpolitik gerückt. Zölle auf Solarmodule und Hochtechnologie zwingen Unternehmen dazu, Vorräte um jeden Preis aufzubauen.

Diese Panikkäufe der Industrie verzerren das Preisbild. Silber wird aktuell weniger als klassisches Edelmetall, sondern als strategische Ressource gehandelt. Historisch gesehen kühlen solche Märkte jedoch ab, sobald die Lager gefüllt sind und die Lieferketten sich an die neuen Handelsbarrieren angepasst haben.

Fazit: Ist die Rallye bei Silber nachhaltig?

Ist Silber also eine temporäre Übertreibung? Die Antwort liegt in der Mitte. Das strukturelle Defizit – die Schere zwischen Minenförderung und Bedarf – ist real und stützt den Preis langfristig. Dennoch zeigt die aktuelle Dynamik mit parabolischen Kurssprüngen typische Züge einer Überhitzung.

Anleger sollten 2026 mit hoher Volatilität rechnen. Während die industrielle Basis für Silber stark bleibt, könnten politische Entspannungen oder ein Abflauen der Spekulationswelle an der Comex kurzfristig für eine gesunde Korrektur sorgen.

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